Gedanken zum Evangelium

Künzing - Wallerdorf - Forsthart

Woher kommen Versuchungen?

 

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium

vom 22. Februar 2026

 

Oft schon habe ich Briefe oder Mails mit Fragen zum Vater-Unser-Gebet bekommen. Fast immer ging es um die Bitte: „und führe uns nicht in Versuchung“. Dieser Text müsse unbedingt geändert werden, denn Gott könne uns unmöglich in Versuchung führen. Manche „bibelfesten“ Schreiber hatten auch gleich ein Zitat zur Hand, das ihre Kritik bestätigt. Im Jakobusbrief steht klar und deutlich, woher die Versuchungen kommen: „Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt. Denn Gott lässt sich nicht zum Bösen versuchen, er führt aber auch selbst niemanden in Versuchung. Vielmehr wird jeder von seiner eigenen Begierde in Versuchung geführt, die ihn lockt und fängt.“ Jakobus war immerhin ein naher Verwandter Jesu. Korrigiert er seinen Meister?

 

Im heutigen Evangelium heißt es eindeutig, dass Jesus vom Teufel in der Wüste Judäa versucht worden sei. Was stimmt also? Gott, der Teufel oder wir selbst sind schuld an den Versuchungen? Eines ist klar: Es gibt Versuchungen! Kein Mensch entkommt ihnen, selbst Jesus nicht. Wieso ist das so? Im Evangelium heißt es heute: „Dann wurde Jesus vom Geist (Gottes) in die Wüste geführt; dort sollte er vom Teufel versucht werden.“ Also hat doch Gott ihn in die Versuchung geführt? Tut Gott das auch mit mir?

 

Die entscheidende Frage ist: Warum können wir überhaupt in Versuchung geraten? Darauf gibt es eine klare Antwort: Weil Gott uns als freie Wesen geschaffen hat. In diesem Sinn ist Gott tatsächlich „schuld“ daran, dass wir in Versuchung geraten können. Gott will keine Marionetten. Er will, dass wir frei Ja sagen können oder auch Nein. Gott ist kein Diktator. Alle Diktatoren unterdrücken die Freiheit ihrer Untertanen. Deshalb flüchten Menschen aus solchen Regimen, um wieder frei zu sein. An der Freiheit knüpft freilich auch der Versucher an. Jede Versuchung lockt durch das Versprechen von Lust, Geld, Macht, Erfolg. Daher ist die Gabe der Unterscheidung so wichtig: Ist ein Angebot ehrlich, sinnvoll, anständig? Lasse ich mich von meiner Gier, von „schönen“ Versprechungen täuschen? Nicht umsonst nennt Jesus den Teufel den „Vater der Lüge“.

 

Die drei Versuchungen Jesu legen offen, wie er ihnen widerstanden hat. Nicht anders ist es für uns, nur dass Jesus gesiegt hat, wir oft nicht. Er hat es aber für uns getan. Das gibt Hoffnung. Mir wird immer deutlicher, was der Versucher Jesus rät und wozu er uns verleiten will: Du bist frei, benutze deine Freiheit nur für dich! Versuchung ist immer, so glaube ich, das eigene Ich in die Mitte zu stellen. „Wenn du der Sohn Gottes bist…“, nütze deine Macht für dich! Bestimme selber, was du willst, schau auf dich und deinen Erfolg! Jesus weist den Versucher ab. Er entscheidet sich für das Wir, das Miteinander mit Gott und mit den Menschen. Die wahre Antwort auf alle Versuchungen ist die Liebe. Für sie, nicht für den Egoismus sind wir geschaffen.

 

 Quelle: Kardinal Christoph Schönborn, Wien
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