
Wenn Leiden einen Sinn findet
Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium
vom 04. April 2026
Der Karfreitag wirft unerbittlich die Frage auf: Kann Leiden einen Sinn haben? Hat das Leiden Jesu einen Sinn gehabt? Wenn ja, für wen? Für Jesus selber? Für andere? Für uns? Für mich persönlich? Um darauf eine Antwort zu finden, kann es helfen, zu unterscheiden zwischen Leiden, das wir selber verschuldet haben, und Leiden, das uns unverschuldet trifft. In beiden Fällen geht es darum, mit den Folgen zu leben. Das geht leichter, wenn ich im Leiden einen Sinn finde.
Viktor Frankl (1905–1997) hat das Konzentrationslager überlebt. Hatte sein Leiden einen Sinn? Diese Frage hat ihn als Arzt und Psychotherapeut sein Leben lang beschäftigt. Ich erinnere mich dankbar an seine Vorlesungen, die ich als Student gehört habe. Ein Wort von ihm fasst seine Erfahrung zusammen: „Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie.“ Ein beeindruckendes Beispiel dafür ist Frau Professor Katarina Posch. Die brillante Lehrerin und Forscherin wurde durch einen Hirnstamminfarkt aus einem erfüllten Leben gerissen. Dadurch wurde sie in totaler Bewegungsunfähigkeit zurückgelassen. Nach jahrelanger Verzweiflung über ihre Situation hat sie mit zähem Willen gelernt, in ihrem Leben einen Sinn zu sehen. Sie sagt: „Es gibt kein Leben ohne Manko. Es kommt darauf an, wie man damit umgeht.“ Sie ist für viele ein Vorbild geworden.
Heute erinnern wir uns an ein unvorstellbar qualvolles Leiden und Sterben. Jesus hat weder aus eigener Schuld gelitten, noch ist ihm der Tod am Kreuz als Schicksalsschlag widerfahren. Er hat aus freiem Willen und ganz bewusst zu diesem Leid und seinen Todesfolgen Ja gesagt. Kann das einen Sinn gehabt haben? Er hat es so gesehen und auch benannt. Bis heute heißt es in jeder Messe mit den Worten Jesu: „…mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden“.
Kann man Leid sinnvoll für andere auf sich nehmen? Natürlich! Jede Frau, die ein Kind austrägt, weiß, dass das auch mit Schmerz und Leid verbunden ist. Jeder Rettungsdienst geht zumindest mit dem Risiko von Leid einher. Niemand schafft etwas Wertvolles, ohne sein Herzblut hineinzulegen. Der heilige Pater Maximilian Kolbe hat sein Leben für einen Familienvater geopfert, indem er dessen Platz zur Exekution im KZ eingenommen hat. Jesus hat den Platz gewählt, der eigentlich uns allein gebühren würde, denn wer von uns ist ohne Sünde? Paulus war fanatisch gegen Jesus, bis er tief im Herzen begriffen hat: „Er hat mich geliebt und sich für mich hingegeben.“
Johannes 19, 17–30
Jesus selbst trug das Kreuz und ging hinaus zur sogenannten Schädelstätte, die auf Hebräisch Gólgota heißt. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere, auf jeder Seite einen, in der Mitte aber Jesus. Pilatus ließ auch eine Tafel anfertigen und oben am Kreuz befestigen; die Inschrift lautete: Jesus von Nazaret, der König der Juden. Diese Tafel lasen viele Juden, weil der Platz, wo Jesus gekreuzigt wurde, nahe bei der Stadt lag. Die Inschrift war hebräisch, lateinisch und griechisch abgefasst. Da sagten die Hohepriester der Juden zu Pilatus: Schreib nicht: Der König der Juden, sondern, dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben. Nachdem die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile daraus, für jeden Soldaten einen Teil, und dazu das Untergewand. Das Untergewand war aber ohne Naht, von oben ganz durchgewoben. Da sagten sie zueinander: Wir wollen es nicht zerteilen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte sich das Schriftwort erfüllen: Sie verteilten meine Kleider unter sich und warfen das Los um mein Gewand. Dies taten die Soldaten. Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Mágdala. Als Jesus die Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zur Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. Danach, da Jesus wusste, dass nun alles vollbracht war, sagte er, damit sich die Schrift erfüllte: Mich dürstet. Ein Gefäß voll Essig stand da. Sie steckten einen Schwamm voll Essig auf einen Ysopzweig und hielten ihn an seinen Mund. Als Jesus von dem Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und übergab den Geist.
Quelle: Kardinal Christoph Schönborn, Wien

