
Wir haben seinen Stern gesehen
Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium
vom 6. Januar 2026
Noch nie haben Menschen so tief ins Weltall blicken können wie wir heute. Noch nie haben Menschen (zumindest bei uns) so wenig vom Nachthimmel gesehen wie wir heute. Die Sterndeuter aus dem Osten, unsere Heiligen Drei Könige, hatten keine Ahnung von den Milliarden von Galaxien unseres Universums. Doch konnten sie ungestört von der heutigen Luft- und Lichtverschmutzung das Himmelszelt ganz klar sehen. Wer das Glück hatte, lange und in Stille eine sternklare Nacht zu bewundern, wird etwas von der Ehrfurcht ahnen, die die vielen Generationen vor uns empfanden, wenn sie zum Nachthimmel aufblickten.
Die Sterndeuter aus dem Osten haben nicht nur staunend bewundert, sondern auch genau beobachtet, noch ohne die fantastischen Riesenteleskope der heutigen Astronomen. Sie haben einen Stern erblickt, den sie als den Stern des „neugeborenen Königs der Juden“ deutete. Wie kamen sie zu dieser Ansicht? Vergessen wir nicht: Seit dem Babylonischen Exil (600 v. Chr.) lebten deportierte Juden im Bereich des heutigen Irak und Iran. Ihre Hoffnung auf den kommenden Messias war bekannt, wohl auch den Sterndeutern, unseren Heiligen Drei Königen. Das Besondere an ihnen war, dass sie sich auf den weiten Weg machten, um den neugeborenen König der Juden zu verehren. Nur deshalb sind sie bis heute in Erinnerung geblieben. Deshalb machen sich in diesen Tagen die über 80.000 Sternsinger-Kinder auf den Weg, und die Botschaft vom Kind in der Krippe zu den Menschen in ganz Österreich zu bringen.
Ein Freund hat mir von einem Gespräch mit einem Astronomen berichtet: „Staunen Sie nicht, wenn sie in die unvorstellbaren Weiten des Universums blicken?“ Der Wissenschaftler habe erstaunt reagiert. Für ihn schien das irgendwie selbstverständlich zu sein, mit Milliarden von Lichtjahren umzugehen. Mich bewegt immer neu die Frage, warum wir nicht mehr staunen. Ist unser Universum nicht unbegreiflich in seiner Größe? Ist nicht jeder Zelle unseres Leibes ein unfassbares Geheimnis, wie auf kleinstem Raum unfassbar viel genetische Information verpackt ist? Das Größte und das Kleinste: beides spricht zu uns von Gott. Nur wer darüber staunen kann, wird auch erleben können, was den Sterndeutern geschenkt wurde: „als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt“. In dem kleinen Kind haben sie den großen Gott verehrt. Wie gut, wenn wir in den kleinen und großen Wundern der Schöpfung ihren Schöpfer verehren!
Quelle: Kardinal Christoph Schönborn, Wien

