
Selig, die Frieden stiften
Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium
vom 01. Februar 2026
Immer wieder treffe ich Flüchtlinge aus der Ukraine. Der Krieg will dort nicht und nicht enden. Wenn ich mit ihnen zu sprechen versuche, kommt immer ein Wort: Mir! Frieden! Würde in der Ukraine Frieden herrschen, gäbe es wohl kaum Flüchtlinge. Man flieht den Krieg, nicht den Frieden. Der Frieden ist das, wonach sich die Menschen der Ukraine sehnen, mehr als nach allem anderen, weil der Friede die Grundlage von allem ist. Im „Katechismus der Katholischen Kirche“ steht klar und deutlich: „Damit das Menschenleben geachtet wird und sich entfalten kann, muss Friede sein. Friede besteht nicht einfach darin, dass kein Krieg ist; er lässt sich nicht bloß durch das Gleichgewicht der feindlichen Kräfte sichern. Friede herrscht nur dann auf Erden, wenn die persönlichen Güter gesichert sind, die Menschen frei miteinander verkehren können, die Würde der Personen und der Völker geachtet und die Geschwisterlichkeit unter den Menschen gepflegt wird.“
Jesus preist alle Menschen selig, die Frieden stiften. Sie sind für ihn glücklich, glückselig zu nennen, weil sie unvergleichlich viel zum Glück und zur Lebensfreude anderer Menschen beitragen. Jesus nennt sie aber auch deshalb selig, weil nichts den Menschen glücklicher macht, als wenn es ihm gelingt, Frieden zu stiften. Noch etwas ist offensichtlich: Jesus selber wünscht sich nichts mehr, als dass wir Menschen glücklich sind. Deshalb hat er eine Art „Charta der Glückseligkeit“ erlassen. Er hat dafür, sehr symbolträchtig, einen Berg gewählt, ist auf ihn hinaufgestiegen, hat sich hingesetzt und seinen Jüngern diese Charta verkündet. Er hat ihnen damit den Auftrag erteilt, sie möglichst allen Menschen bekannt zu machen.
Wir können annehmen, dass Jesus bewusst etwas Ähnliches getan hat wie seinerzeit Moses, auf einem anderen Berg, dem Sinai, als Gott ihm die Zehn Gebote mitteilte. Ein wichtiger Unterschied besteht zwischen der Charta der Zehn Gebote und der Charta der acht Seligpreisungen. Die Gebote sind fast alle als Verbote formuliert: „Du sollst nicht töten, ehebrechen, stehlen, lügen…“ Sie ziehen Grenzen, damit wir nicht ins Unglück laufen. Die Seligpreisungen sind Glücksverheißungen. Die Gebote schrecken ab, die Seligpreisungen ziehen an. Die Sehnsucht nach Glück ist immer noch stärker als die Warnung vor Unglück.
Wie sehen freilich die Glücksverheißungen Jesu aus? Eines fällt auf: Sie alle verheißen nicht das schnelle Glück. Sie versprechen eine gute zukünftige Wirkung. Ist das nicht der Trick, mit dem so viel Betrug geschieht? „Euer Lohn wird groß sein im Himmel“, verheißt Jesus am Schluss der achten Seligpreisung. Dazu eine sprachliche Bemerkung. Jesus spricht als Jude. Er vermeidet es, nach jüdischem Brauch, den Gottesnamen auszusprechen. Wir dürfen deshalb übersetzen: „Selig die Trauernden, denn Gott wird sie trösten.“ Gleiches gilt für alle acht Seligpreisungen. Jesus sagt schon jetzt den Trauernden zu, dass sie Gottes Trost erfahren werden, den Barmherzigen, dass Gott mit ihnen barmherzig sein wird. Eines verspricht Jesus nicht: dass wir kein Leid zu tragen haben. Wer sich für den Frieden einsetzt, wird Widerstand, ja Verfolgung erleiden. Vielleicht sind es deshalb so wenige, die es tun. Ist es nicht ein echter Trost, dass die vielen, die Unrecht erleiden, bei Gott nicht leer ausgehen werden?
Quelle: Kardinal Christoph Schönborn, Wien

