Gedanken zum Evangelium

Wie alles gut anfing

Der Evangelist Lukas gehört nicht zur ersten Generation derer, die Jesus von Anfang an begleitet haben. Er kam erst zum christlichen Glauben, als schon etliche Jahre seit der Zeit Jesu vergangen waren, wahrscheinlich durch Paulus. Er war Grieche, nicht Jude, von Beruf Arzt.

 

Gedanken zum Evangelium, von Kardinal Christoph Schönborn,
am Sonntag, 23. Jänner 2022 (Lukas 1,1-4; 4,14-21).

 

Heute geht es um den Anfang, in zweifacher Hinsicht: um den Anfang des Lukasevangeliums und um den Anfang des öffentlichen Lebens Jesu. Es ist immer interessant, nachzuforschen, wie etwas anfing, eine Liebesbeziehung, eine Berufslaufbahn, eine politische Entwicklung. Oft hilft es, spätere Situationen besser zu verstehen.

 

Der Evangelist Lukas gehört nicht zur ersten Generation derer, die Jesus von Anfang an begleitet haben. Er kam erst zum christlichen Glauben, als schon etliche Jahre seit der Zeit Jesu vergangen waren, wahrscheinlich durch Paulus. Er war Grieche, nicht Jude, von Beruf Arzt. Er hatte eine gute Allgemeinbildung. Damals lebten noch viele Augenzeugen des Lebens Jesu. Diejenigen, die sich dem Christentum anschlossen, wollten von den Weggefährten Jesu genau wissen, wie alles war. Was mündlich von Jesus überliefert wurde, hielt man immer mehr auch schriftlich fest. Im Vorwort zu seinem Evangelium erklärt Lukas seine eigene Vorgehensweise: Er stützt sich auf die schon vorhandenen Berichte und auf seine eigenen sorgfältigen Nachforschungen. Aus diesen beiden Quellen soll sich Theophilus, dem Lukas sein Evangelium widmet, selber überzeugen können, dass er sich auf eine glaubwürdige Geschichte eingelassen hat, als er den Glauben an Jesus Christus annahm. Hat Lukas damals geahnt, dass auch 2000 Jahre später sein Evangelium, zusammen mit den drei anderen, für zahllose Menschen auf der ganzen Welt eine unerschöpfliche Quelle des Glaubens und des Lebens sein wird? Wie wüssten wir von Jesus ohne die vier Evangelien? Selbst kritische Historiker geben zu, dass wir von keiner Persönlichkeit der damaligen Zeit ein so lebendiges, persönliches, glaubwürdiges Bild haben wie von Jesus.

 

Um den Anfang des öffentlichen Wirkens Jesu geht es im zweiten Teil des heutigen Evangeliums. Sehr schnell zeigt sich, dass um Jesus ein Streit entsteht, der bis heute dauert. Beides, Begeisterung und Ablehnung, ist von Anfang an da. Und diese Scheidung der Geister geschieht bereits in seiner Heimatstadt Nazaret, „wo er aufgewachsen war“. Wie gewohnt geht Jesus am Sabbat in die Synagoge und nimmt am Gottesdienst teil. In der Schule, die zur Synagoge gehört, hatte er als Kind Lesen und Schreiben gelernt. So war er es als Erwachsener gewohnt, aus der Bibel vorzulesen. Man reicht ihm die Buchrolle. Bis heute wird in den Synagogen die Bibel in der Form von Schriftrollen aufbewahrt.

 

Jesus liest einen Abschnitt aus dem Propheten Jesaja. Hat er die Stelle eigens ausgesucht? Oder ist er eher zufällig darauf gestoßen? Auf jeden Fall ist es ein gewichtiges Wort, das in Ich-Form von einem großen Auftrag Gottes spricht: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn er hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe …“

 

Verständlich, dass nach diesen Worten „die Augen aller in der Synagoge auf ihn gerichtet waren“. Zu deutlich sprechen diese Worte des Propheten vom verheißenen Messias, von dem, der da kommen soll, um als der große Befreier zu wirken. Noch mehr steigt die Spannung, als Jesus seinen Landsleuten schlicht und direkt erklärt: „Heute hat sich dieses Schriftwort erfüllt!“ Warum die Stimmung schlagartig kippen konnte und zur totalen Ablehnung Jesu führte, wird die Fortsetzung des Evangeliums am kommenden Sonntag zeigen.

 

Quelle: Kardinal Christoph Schönborn, Wien

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