Gedanken zum Evangelium

Kindlich, nicht kindisch

 

Ich habe in meinem Leben viele Sitzungen erlebt. Oft waren sie geprägt von Spannungen, Schaukämpfen, Rivalitäten oder einfach von Versuchen, die eigene Meinung durchzusetzen. Mir hat es dann oft geholfen, einen Trick anzuwenden: Ich blicke in die Runde und versuche mir vorzustellen, wie wir alle einmal als Kinder waren.

Gedanken zum Evangelium, von Kardinal Christoph Schönborn,
am Sonntag, 19. September 2021 (Markus 9, 30-37).

 

Angeberei ist immer irgendwie peinlich. Meist merken wir das selber nicht. Die anderen spüren es umso deutlicher. Wenn jemand gerne von seinen Erfolgen, seinen Leistungen spricht, wenn er sich selber hervorhebt und wichtig macht, wirkt das selten positiv auf andere. Noch peinlicher ist es, wenn in einer Runde alle Beteiligten sich gegenseitig zu überbieten versuchen, als wollten alle zeigen, dass sie eigentlich die Größten, Besten, Stärksten sind. Ein solcher „Wettstreit“ der Angeberei wirkt für den, der das von außen beobachtet, immer ein wenig lächerlich, ja kindisch. Leider ist das alles nur allzu menschlich.

 

Sehr menschlich geht es auch im Kreis der Jünger Jesu zu. Sie sind mit Jesus unterwegs. Auf den langen Fußwegen durch Galiläa haben sie Zeit, miteinander zu reden. Als sie ans Ziel kommen, nach Kafarnaum, fragt Jesus sie: „Worüber habt ihr auf dem Weg gesprochen?“ Warum schweigen sie, statt einfach zuzugeben, was das Thema ihrer Gespräche war? Es ist ihnen peinlich, ehrlich einzugestehen, dass sie darüber gesprochen haben, wer von ihnen der Größte sei. Und dieses Gespräch dürfte einige Eifersüchteleien und Rivalitäten offenbart haben. Wie menschlich!

 

Anlass für solche Konkurrenzkämpfe gab es genug. Es war noch nicht lange her, dass Jesus dem Simon Petrus feierlich eine Vorrangstellung zugesprochen hatte. Waren es die anderen ihm neidig? Dann, vor einigen Tagen, eine scheinbare Bevorzugung von dreien seiner Jünger. Petrus, Jakobus und Johannes waren die Erwählten, die Jesus mitnahm, als er auf einen hohen Berg ging. Was sie dort mit Jesus erlebt haben, sollten sie niemandem erzählen. Sie behielten es für sich, dass sie Jesus in strahlendem Licht gesehen hatten. Hat diese Geheimnistuerei bei den anderen Neid und Eifersucht erweckt? Rivalität – typisch für Männer? Oder steckt das in uns allen, Männern wie Frauen? Und kommt das auch unter ganz frommen Leuten vor? Offensichtlich ja!

 

Jesus wollte ihnen auf ihrem Weg durch Galiläa etwas ganz Wichtiges anvertrauen, das Wichtigste seines Lebens: Er wird ausgeliefert und getötet werden. Aber das wird nicht das Ende sein. Er wird auferstehen. Statt über diese herzbewegenden Worte Jesu miteinander zu reden, haben sie nichts Besseres zu tun als über ihre kleinlichen Rivalitäten zu streiten. Sie verhalten sich nicht besser als die Welt, in der dauernd Konflikte, Befindlichkeiten, Eitelkeiten ausgetragen werden. Bis heute ist es das oft so beschämende Schauspiel, das wir Christen der Welt darbieten: unsere Uneinigkeit, unsere Wichtigtuerei, die zudem oft von oben herab über die anderen urteilt und die doch selbst um keinen Deut besser ist.

 

Auf all das hat Jesus eine bestürzend einfache Antwort: Er stellt ein Kind in ihre Mitte! Wie entwaffnend! Was sind alle unsere Streitereien vor diesem Kind? Ich habe in meinem Leben viele Sitzungen erlebt. Oft waren sie geprägt von Spannungen, Schaukämpfen, Rivalitäten oder einfach von Versuchen, die eigene Meinung durchzusetzen. Mir hat es dann oft geholfen, einen Trick anzuwenden: Ich blicke in die Runde und versuche mir vorzustellen, wie wir alle einmal als Kinder waren. Es war für mich hilfreich, in den anderen nicht Gegner oder mühsame Personen zu sehen, sondern Kinder, von Gott geliebte Kinder, genauso bedürftig wir es alle als Kinder waren. „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…“, hat Jesus gesagt.

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