Gedanken zum Evangelium

Drei Arten von Familie

Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.

 

Gedanken von Kardinal Christoph Schönborn zum Evangelium

vom 09. Juni 2024

 

Wie alles im Leben hat auch die Familie zwei Seiten. Sie ist die wichtigste und wunderbarste Einrichtung, die der Schöpfer uns Menschen geschenkt hat. Sie ist die Urheimat des Menschen, sie trägt die Folge der Generationen, sie gibt Leben, Erziehung, Kultur, Religion weiter. Sie ist das haltbarste Auffangnetz für den Einzelnen, sie sichert den Zusammenhalt der Gesellschaft, mehr als alle anderen Institutionen. Und zugleich ist sie der erste Ort der Verletzungen, der Konflikte, ja der Feindschaften.

 

Nie schmerzen Hass und Kränkungen mehr, als wenn sie im Schoß der Familie geschehen. Deshalb fliehen Menschen so oft aus dem Zwangskorsett der Familie, brechen aus, um frei zu werden vom Druck der Familienerwartungen. So entstehen neue Formen von Familien, nicht durch die Blutsbande zusammengehalten, sondern durch freiwillige Wahl. Doch auch die „Wahlfamilie“ kann einem wieder zu eng werden. Ich denke an Sekten, die ihre Mitglieder so binden, dass sie ihnen die Freiheit rauben. Nicht jede Wahlfamilie ist ein glücklicher Ersatz für die natürliche Familie.

Alle drei Episoden des heutigen Sonntagsevangeliums handeln von beiden Arten der Familie. Faszinierend finde ich den ersten Zwischenfall, den nur der Evangelist Markus berichtet. Jesus ist aus der Familie „ausgebrochen“ und hat seinen eigenen Weg gewählt, mit Erfolg, denn die Menschen strömen ihm in Scharen zu. Seine Familie ist besorgt. Sie kommen und wollen ihn „mit Gewalt zurückholen“. Sie halten ihn für verrückt. Der Evangelist berichtet nicht, wie der Familienstreit ausgegangen ist. Seine Verwandten ziehen unverrichteter Dinge wieder ab.

Noch dramatischer ist der zweite Konflikt: Jesus hat, so meinen einige, sich einer höchst gefährlichen neuen „Familie“ angeschlossen: dem Teufel, dem Satan und seinem Clan: „Er ist von Beelzebul besessen; mit Hilfe des Herrschers der Dämonen treibt er die Dämonen aus.“ Der Vorwurf wiegt besonders schwer. Sie beschuldigen Jesus, mit dem Teufel im Bund zu stehen. Jesus greift in seiner Erwiderung auf das Bild der Familie zurück: „Wenn eine Familie in sich gespalten ist, kann sie keinen Bestand haben.“ Eine für heute besonders wichtige Lehre: Eine „Wahlfamilie“, die durch das zusammengehalten wird, was sie hasst, wird zerfallen. Letztlich geben nur die positiven Werte, der Einsatz für das Gemeinwohl, einer Wahlfamilie Bestand. Das gilt für politische Parteien wie für Interessensgruppen. Auf bloßer Ablehnung lässt sich keine Gemeinschaft bauen. Mit dem „Verteufeln“ der anderen entsteht noch keine tragfähige „neue Familie“.

Das zeigt eindrucksvoll die dritte Episode des heutigen Evangeliums. Wieder meldet sich die Familie Jesu. Sie wollen Jesus nicht gewaltsam heimholen. Seine Mutter und seine Brüder, seine Verwandtschaft will ihn nur sprechen. Ist er unhöflich, nicht einmal seine Mutter zu begrüßen? Es wirkt recht grob, wenn er fragt: „Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?“ Er selber gibt die Antwort: „Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“Liegt hier die „Lösung“ für die Familienprobleme? Jesus macht klar: Zuerst sind wir alle Kinder des einen Gottes und Vaters. Das ist die Gottesfamilie, die allen Menschen zugedacht ist. Sie steht an erster Stelle. Dann erst kommen die Bluts- und die Wahlfamilie. Sie sind kostbar und schenken Geborgenheit, wenn sie sich nicht an Gottes Stelle setzen. Das wollte Jesus zeigen.

 

 

 Quelle: Kardinal Christoph Schönborn, Wien
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