Er war mir ein wertvoller Ratgeber.

Nachruf von Bischof Dr. Stefan Oster SDB

zum Tod seines Vorgängers Bischof em. Wilhelm Schraml.

 

Lie­be Schwes­tern und Brüder,

mein ver­ehr­ter Vor­gän­ger im Amt des Bischofs von Pas­sau, Bischof em. Wil­helm Schraml, wur­de am 08.11.2021 ins Haus des Vaters heim­ge­holt. Bischof em. Wil­helm Schraml tritt nun dem wahr­haft ent­ge­gen, den als gekreu­zig­ten und auf­er­stan­de­nen Herrn zu ver­kün­di­gen er sich zur Lebens­auf­ga­be sei­nes pries­ter­li­chen und bischöf­li­chen Wir­kens gemacht hatte.

Mit Bischof Wil­helm Schraml starb ein Bischof, der zutiefst ver­wur­zelt war in der Volks­kir­che: Die geleb­ten Glau­bens­über­zeu­gun­gen sei­ner ober­pfäl­zi­schen Hei­mat Erben­dorf präg­ten den jun­gen Wil­helm und lie­ßen ihn hell­hö­rig auf sei­ne Beru­fung hören und ihr folgen.

Ein pas­to­ra­les Her­zens­an­lie­gen war dem Pries­ter und Bischof Wil­helm Schraml das Wohl der Fami­li­en und die Sor­ge dar­um, wie jun­ge Men­schen ins Leben hin­ein­wach­sen und wer sie dabei beglei­tet. Das mag viel­leicht auch dar­in begrün­det sein, dass sei­ne Kind­heit und sein Auf­wach­sen von der trau­ri­gen Erfah­rung geprägt war, dass sei­ne Mut­ter starb und sein Vater, der eine Bäcke­rei betrieb, allei­ne nicht für Wil­helm und sei­ne bei­den Brü­der sor­gen konn­te. Eine Tan­te küm­mer­te sich des­halb um die Buben. Der Besuch des Alten Gym­na­si­ums in Regens­burg und des Stu­di­en­se­mi­nars St. Augus­tin in Wei­den führ­ten Wil­helm dann fort von sei­ner Erben­dor­fer Hei­mat, fort von sei­ner Fami­lie. Die Zeit im Inter­nat konn­te er im Rück­blick mit etli­chen hei­te­ren und auch nach­denk­li­chen Anek­do­ten fül­len, die er in gesel­li­ger Run­de ger­ne zum Bes­ten gab.

An das Gym­na­si­um schloss sich die Aus­bil­dung am Pries­ter­se­mi­nar Regens­burg und an der dor­ti­gen Phi­lo­so­phisch-Theo­lo­gi­schen Hoch­schu­le an, so dass Wil­helm Schraml am 29. Juni 1961 von Weih­bi­schof Josef Hiltl in Regens­burg zum Pries­ter geweiht wur­de. Sein pries­ter­li­ches Wir­ken begann er als Kaplan in den Pfar­rei­en Fal­ken­stein, Kir­ch­ent­hum­bach und Regens­burg-St. Kon­rad. Es war dies eine beweg­te und bewe­gen­de Zeit, die der jun­ge Pries­ter dabei erleb­te: Die Umwäl­zun­gen und die Dyna­mik des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils erleb­te er haut­nah mit. Ins­be­son­de­re der hohe Stel­len­wert, den er der Lit­ur­gie bei­maß, und das Bewusst­sein für die je unter­schied­li­chen Diens­te und Auf­ga­ben inner­halb der Lit­ur­gie sowie für die damit ein­her­ge­hen­de Aus­bil­dung und Beglei­tung, präg­ten sein bischöf­li­ches Wir­ken. Vor allem durch sei­ne Lie­be zur Kir­chen­mu­sik mach­te er deut­lich, dass in der Schön­heit und Fest­lich­keit der Lit­ur­gie bei­des inein­an­der fin­det: Im Lob­preis der Gläu­bi­gen und der Kir­che lässt sich auch Got­tes Lie­be und Herr­lich­keit im mensch­li­chen Aus­druck erspü­ren und feiern.

Am 8. März 1986 wur­de Wil­helm Schraml durch den Bischof von Regens­burg, Bischof Man­fred Mül­ler, zum Bischof geweiht. Der Regens­bur­ger Weih­bi­schof füll­te fort­an nicht weni­ge Auf­ga­ben aus: Regio­nal­de­kan für die Regi­on ​Lands­hut“; Bischofs­vi­kar für die cari­ta­ti­ven Wer­ke, Vor­sit­zen­der des Cari­tas­ver­ban­des der Diö­ze­se Regens­burg, der Katho­li­schen Jugend­für­sor­ge und der Stif­tung Kir­chen­mu­sik­schu­le Regens­burg, Lei­ter des Refe­ra­tes für Lit­ur­gie und Kir­chen­mu­sik sowie des­je­ni­gen für Ehe und Fami­lie. Auf der Ebe­ne der Bischofs­kon­fe­renz wur­de er schon als Weih­bi­schof und mehr noch dann als Bischof von Pas­sau in Kom­mis­sio­nen der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz gewählt bzw. dar­in immer auch bestä­tigt: Bischof Wil­helm war Mit­glied und spä­ter auch stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der der Kom­mis­sio­nen V ​Lit­ur­gie“ und XIEhe und Fami­lie“; fer­ner arbei­te­te er bei der Unter­kom­mis­si­on ​Eccle­sia cele­brans“ mit, die das Ziel hat­te, das Mis­sa­le Roma­num in einer neu­en deut­schen Über­set­zung her­aus­zu­ge­ben; dar­über hin­aus war er auch für eine Peri­ode Mit­glied des Ver­bands­aus­schus­ses des VDD (Ver­band der Diö­ze­sen Deutschlands).

Als Regens­bur­ger Regio­nal­de­kan waren Wil­helm Schraml auch die nie­der­baye­ri­schen Gegen­den sei­nes Hei­mat­bis­tums ver­traut, daher war ihm auch die volks­kirch­li­che Prä­gung des Bis­tums Pas­sau sehr nahe, für das er dann die Ver­ant­wor­tung über­nahm. Frei­lich, sei­ne bei­den Amts­vor­gän­ger stamm­ten unmit­tel­bar aus dem Pas­sau­er Kle­rus, daher brauch­te es etwas, bis der Ober­pfäl­zer Schraml und die Nie­der- und Ober­bay­ern des Bis­tums Pas­sau sich anein­an­der gewohnt hat­ten, zumal er bei sei­nem Amts­an­tritt als 84. Bischof von Pas­sau bereits 66 Jah­re alt war. Doch aus einem anfäng­lich häu­fi­ger zu hören­den ​bei uns in Regens­burg“ wur­de immer mehr ein ver­trau­tes ​bei uns in Passau“.

Der neu­en Her­aus­for­de­rung stell­te Bischof Wil­helm sich uner­müd­lich: Er war viel unter­wegs in den Pfar­rei­en unse­res Bis­tums; ins­be­son­de­re die Fir­mun­gen hat­ten bei ihm einen sehr hohen Stel­len­wert. Kaum ein Sams­tag und Sonn­tag ver­gin­gen, an dem er nicht in einer der 305 Pfar­rei­en die Lit­ur­gie fei­er­te, das Wort Got­tes ver­kün­dig­te und ger­ne den Men­schen begegnete.

Zupa­ckend und vol­ler Ener­gie war es Bischof Wil­helm ein Her­zens­an­lie­gen, die volks­kirch­li­chen Struk­tu­ren, die sei­nen Glau­ben und sei­ne Fröm­mig­keit geprägt hat­ten, in den Pfar­rei­en und Ver­bän­den unse­res Bis­tums zu stär­ken und ihre jewei­li­ge Iden­ti­tät zu stüt­zen: Bei allen not­wen­di­gen struk­tu­rel­len Refor­men hielt er immer dar­an fest, kei­ne der 305 Pfar­rei­en, unge­ach­tet ihrer Katho­li­ken­zahl, auf­zu­lö­sen. Den­noch war ihm bewusst, dass die Zukunft des pas­to­ra­len Han­delns von Koope­ra­ti­on ein­zel­ner pas­to­ra­ler Räu­me geprägt sein wer­de. Wo es ihm um die Zukunft der Pfar­rei­en ging, ins­be­son­de­re um struk­tu­rel­le Fra­gen, leg­te er Beson­nen­heit an den Tag. In ande­ren Fra­gen, vor allem wenn ihm eine Per­so­na­lie oder Sach­an­ge­le­gen­heit beson­ders wich­tig waren, konn­te er schnell und ent­schlos­sen sein.

Bischof Schraml war stets dar­um bemüht, einen guten Kon­takt zur Kom­mu­nal­po­li­tik und zu den staat­li­chen Behör­den zu pfle­gen: Denn sowohl Kir­che als auch die Poli­tik und die staat­li­chen Ämter und Behör­den sowie die Schu­len haben in wei­ten Berei­chen die­sel­ben Men­schen im Blick – und zie­hen daher auch häu­fig am sel­ben Strang. Des­halb gehör­te es für Bischof Wil­helm bei pas­to­ra­len Besu­chen in den Pfar­rei­en unge­fragt dazu, Kin­der­gär­ten, Schu­le und auch das Rat­haus zu besu­chen – letzt­lich unter dem Leit­wort, dass in jeder die­ser Insti­tu­tio­nen in der Zukunft unse­res Lan­des inves­tiert werde.

Als Glanz­punkt sei­nes Epi­sko­pats kann mit Sicher­heit der Besuch von Papst Bene­dikt XVI. in des­sen baye­ri­scher Hei­mat im Sep­tem­ber 2006 bezeich­net wer­den, zumal Bischof Schraml schon aus Regens­bur­ger Zei­ten mit dem im Bis­tum Pas­sau gebo­re­nen Joseph Ratz­in­ger eng befreun­det war. Sowohl über das Ende des Pon­ti­fi­kats als auch des Epi­sko­pa­tes blie­ben bei­de ein­an­der ver­bun­den. Sein Her­zens­an­lie­gen, die För­de­rung der eucha­ris­ti­schen Anbe­tung, wur­de tief bestä­tigt, als der Papst selbst die Kapel­le in Alt­öt­ting ein­weih­te – und dort die immer­wäh­ren­de Anbe­tung begin­nen ließ, die seit­her Tag und Nacht gepflegt wird. Ich selbst bin Bischof Wil­helm für die­se Initia­ti­ve über­aus dank­bar und ver­bun­den – wie auch für vie­le ande­re Akzen­te sei­nes Wir­kens in der Treue zur Kir­che und ihrer gro­ßen Tradition.

Im Was und Wie sei­nes bischöf­li­chen Wir­kens hat­te Bischof Wil­helm nicht nur Freun­de; doch dar­in sah er auch nicht sei­nen Auf­trag als Bischof. Die einem Bischof zukom­men­de Auf­ga­be des Hei­li­gens, des Lei­tens und des Leh­rens nahm Wil­helm Schraml über­aus ernst und ver­lang­te dabei sich und ande­ren viel ab. Mit gro­ßer Ent­schie­den­heit und Lei­den­schaft ver­kün­dig­te er nach sei­nem Wahl­spruch Jesus Chris­tus als den Herrn. Ihm, den er vor allem in der Fei­er der Eucha­ris­tie und in der eucha­ris­ti­schen Anbe­tung begeg­ne­te, gehör­te sein Leben. Und die Kir­che war ihm inners­ter Ort die­ser Begeg­nung. In einem Zei­tungs­ar­ti­kel wur­de er ein­mal als ​jovia­ler Pol­te­rer“ cha­rak­te­ri­siert. Ja, er konn­te pol­tern und setz­te sich lei­den­schaft­lich ein, wenn es ihm um die Sache ging. Er konn­te eben­so gut auch jovi­al, char­mant auf die Men­schen zuge­hen. Gera­de in per­sön­li­chen Gesprä­chen gab er dem Seel­sor­ger in sich viel Raum und konn­te ein inter­es­sier­ter und mit­füh­len­der Gesprächs­part­ner und Rat­ge­ber sein.

Sei­ne Zeit des Ruhe­stan­des in Alt­öt­ting war geprägt durch sei­ne Treue zur Fei­er der täg­li­chen hei­li­gen Mes­se in der Gna­den­ka­pel­le und durch den regel­mä­ßi­gen Besuch in der Anbe­tungs­ka­pel­le. Dort, am gelieb­ten Gna­den­ort, der ihm zwei­te Hei­mat gewor­den war, ist er am 8. Novem­ber 2021 fried­lich gestor­ben. Ich selbst bin Bischof Wil­helm über­aus dank­bar: Ich konn­te im Jahr 2014 ein von ihm in viel­fa­cher Hin­sicht gut geord­ne­tes Bis­tum über­neh­men. Vor allem zu Beginn mei­nes Pon­ti­fi­ka­tes war er mir ein wert­vol­ler Rat­ge­ber. Vie­le, vor allem jün­ge­re Pries­ter, hat er durch sei­ne Lie­be zum eucha­ris­ti­schen Herrn geprägt. In den letz­ten Jah­ren erfüll­ten ihn man­che Ent­wick­lun­gen in der Kir­che mit Sor­ge, aber sei­ne gro­ße Treue zu Chris­tus und sei­ner Kir­che weck­ten in mir immer wie­der gro­ße Hoch­ach­tung. Möge unser Herr ihm all sei­ne Ver­diens­te um die Men­schen und die Kir­che loh­nen – und möge er Ihm ein gnä­di­ger Rich­ter sein und ihn ein­la­den zum himm­li­schen Freudenfest.

 

Quelle: Bischof Dr. Ste­fan Oster SDB
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