In der Kirche ist Platz für alle

„In der Kirche ist Platz für alle“

 
Junge Katholiken feiern ihren Glauben beim Weltjugendtag in Lissabon. Viele sind gekommen, um den Papst zu sehen. Der setzt auch politische Akzente
 
Eine halbe Million junge Menschen aus allen Kontinenten jubeln, klatschen, tanzen – und beten. Die Willkommensveranstaltung im zentral gelegenen Park Eduardo VII. in Portugals Hauptstadt Lissabon war bislang der Höhepunkt des Weltjugendtags 2023 und gleichzeitig der erste Auftritt von Papst Franziskus bei den Pilgerinnen und Pilgern des katholischen Riesen-Events. Nach „Tagen der Begegnung“ in den verschiedenen Landesteilen Portugals sind die Jugendlichen seit Montag in der Hauptstadt, feiern Gottesdienste, gehen auf Konzerte, besuchen Diskussionsveranstaltungen, zum Beispiel zum Thema Umwelt, und nehmen an Katechesen teil, einer Art religiöser Unterrichtsstunde. Ein heikles Thema gleich am ersten Reisetag Der Papst begann seinen Aufenthalt am Mittwoch mit einer überraschenden Grundsatzrede über Europa. „Die Welt braucht Europa, das wahre Europa“, sagte er im Kulturzentrum von Belem. Er würdigte die Rolle des „Alten Kontinents“ als Friedensstifter und Brückenbauer, legte den Finger aber auch in gesellschaftliche Wunden, indem er etwa Ausgrenzung von Älteren und Migranten oder niedrige Geburtenraten kritisierte. Mit einem der heikelsten innerkirchlichen Themen wurde der Papst gleich am ersten Reisetag konfrontiert. Am Mittwochabend traf er Betroffene von sexuellem Missbrauch in der Kirche. Die Begegnung mit 13 Personen sei in einer Atmosphäre „intensiven Zuhörens“ verlaufen, hieß es in der Vatikan-Mitteilung. Das Thema Missbrauch hatte bis zu Beginn des Weltjugendtags für viel Kritik in Portugal gesorgt. Kurz vor Ankunft des Papstes hatte eine Betroffenengruppe eine große Plakatwand an einer der belebtesten Straßen Lissabons angebracht. „4 800+ von der katholischen Kirche in Portugal missbrauchte Kinder“ stand darauf. Vorausgegangen war eine Untersuchung, wonach in den vergangenen 70 Jahren mindestens 4 815 Minderjährige missbraucht wurden. Dass der Papst Betroffene traf, fanden viele Pilger gut. „Es ist wichtig anzuerkennen, was passiert ist“, sagte Emilia (25) aus Portugal. „Wir müssen die Opfer respektieren und sicherstellen, dass so etwas nicht mehr passieren kann. Und es muss noch mehr getan werden.“ Die Jugendlichen erlebten den Weltjugendtag zunächst noch ohne Papst. Erst am Donnerstagabend trat er erstmals auf einer Bühne vor den jungen Menschen auf. Eine halbe Million kamen zu dem Ereignis in den Park Eduardo VII. „Gott liebt uns, wie wir sind“, rief er ihnen zu; und: „In der Kirche ist Platz für alle.“ Er forderte die Menge auf, das Wort „alle“ dreimal mit ihm zu wiederholen. „Alle, alle, alle!“, schallte es durch die Reihen. Besonders in diesem Moment wirkte Franziskus, der meist Spanisch spricht, das auch von vielen Portugiesen verstanden wird, hellwach und mitreißend. Lissabon ist seine erste Reise nach einer Bauchoperation im Juni. Seitdem hat der 86-Jährige sichtbar abgenommen und wirkt frischer. Doch seine Gehbehinderung schränkt ihn weiter ein; der Rollstuhl bleibt sein wichtigstes Fortbewegungsmittel. Zudem scheint er Probleme mit den Augen zu haben. Die Höhepunkte der Reise mit langen und intensiven Begegnungen zwischen Papst und Jugendlichen stehen noch bevor. Dazu gehören ein Kreuzweg, eine Nachtwache und die Abschlussmesse am Sonntag. Zu diesem letzten Gottesdienst werden bis zu eine Million Menschen erwartet, darunter die rund 8500 angereisten Jugendlichen aus Deutschland. Am Samstagvormittag unternimmt Franziskus zudem einen Ausflug zum Marienort Fatima. Beobachter erwarten, dass er dort einen erneuten Friedensappell in Richtung Russland und Ukraine richten wird. Es wäre eine weitere politische Botschaft, die von diesem Weltjugendtag ausgeht. In Lissabon zieht Emilia am Freitag eine erste Zwischenbilanz. Die Kirche müsse mit der modernen Zeit und mit den jungen Menschen mitgehen. „Die Zukunft der Kirche liegt an uns“, so die Pilgerin. „Was wir brauchen, ist eine Botschaft der Hoffnung; eine Botschaft für Vertrauen in die Kirche.“
 
 

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